Sketch&Draw / Der Mann und das Meer

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Alleine stand er an der Reling, locker ans Geländer gelehnt und in die Ferne schauend. Obwohl die Sonne schon untergegangen war, perlten Schweisstropfen auf seiner Stirn. Ist dass die Hitze, oder ist es Angst? Diese Frage ging ihm seit 17 Tagen durch den Kopf. Damals hatten sie das letzte Mal den Wind gespürt. Jetzt war die Luft still, schwer durch die Hitze des Tages. Der Mond war hell diese Nacht, liess das Wasser glitzern. So viele Sterne, so viel Wasser. Mond, Sterne, Wasser – wo bleiben die Wolken? An Deck war auch niemand. Alle schliefen, es gab ja auch nichts zu tun. Seit Tagen nicht. Ohne Wind kamen sie nicht vorwärts. Der kurze Versuch, die Ruder einzusetzen, stellte sich als hoffnungslos heraus. Während über dem Wasser die Welt regungslos war, riss die Strömung das Schiff gnadenlos mit sich. Wir hätten nie von der Strömung erfahren, wenn wir die Ruder nicht eingesetzt hätten. Alles sieht gleich aus. In der ersten ruhigen Nacht – das war nach dem grossen Sturm – waren alle erschöpft in den Kabinen oder auf ihren Posten an Deck eingeschlafen. Am nächsten Tag ging die Sonne auf der falschen Seite auf. Der Kapitän bestand darauf zu wissen, wo sie waren. An diesem Morgen habe ich Käse und ein hartes Stück Brot gegessen, und dann gewartet. Wir haben alle gewartet auf Wind, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Nach zwei Tagen vergeblichen Wartens wurden die ersten unruhig. Am dritten Tag wurden die Ruder eingesetzt, dann noch mal am fünften Tag. Ab dem sechsten Tag gab es kein Frühstück mehr. Ab dem siebten nur noch eine winzige Ration Wasser.

Bei diesem Gedanken knurrte sein Magen. Das Meer sah so frisch und klar aus. Eine verführerische Falle. Das Wasser umarmte das Schiff und trug es mit sich, wie eine Mutter ihr Kind. Die Menschen auf dem Schiff aber wurden von dieser Mutter wie Parasiten behandelt. Wie konnte so etwas schönes und liebevolles, so tödlich sein? Mit jedem Tag der verstrich, wuchs die Sehnsucht nach einem mächtigen Sturm in ihm. Wenn er uns verschluckt, ist es vorbei, alles ist besser als das Warten und die Hilflosigkeit.
Ein Knarren liess den Mann hochfahren. Der Kapitän kam langsam auf ihn zugelaufen und lehnte sich neben ihm an die Reling. “Ist sie nicht wunderschön?”, fragte er mit einer tiefen, bestimmen Stimme und blickte auf das Meer hinaus. Er nickte kurz. Der Kapitän war kein Mann, dem man widersprach. Er war gross und stark. Sein Gesicht war von Wind und Wetter braun und ledern geworden, seine Augen waren grün und leuchteten selbst jetzt im Licht des Mondes.
Der Matrose hatte ihn seit Tagen nicht mehr gesehen, fiel ihm auf. Alle waren von Hunger und Angst in ihrer Gestalt geschrumpft, nicht so der Kapitän. Wie am Tag ihrer Abfahrt, als er ihn zum ersten Mal getroffen hatte, schien der Kapitän eine vollkommene Zufriedenheit und Selbstsicherheit in sich zu haben.
Das machte den Mann wütend. Er sollte verzweifeln, er sollte rasen, er ist der Kapitän, er sollte alles Mögliche versuchen um sein Schiff und seine Crew zu beschützen. Doch nichts von dem sagte er. Schweigend standen sie nebeneinander, das gelegentliche Plätschern an der Schiffswand war das einzige Geräusch.
Nach einer halben Ewigkeit wandte sich der Kapitän dem Mann zu. Mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht sprach er: ”Das Meer ist unser Ursprung. Wir kommen vom Meer und werden wieder da enden. Ich weiss, ihr habt Angst. Ihr habt Hunger und vor allem Durst. Ihr glaubt, wir werden hier sterben, und weil sterben für uns unbekanntes Gewässer ist, habt ihr Angst. Ihr fürchtet euch dahin zu gehen, wo ihr noch nie wart. Ich hingegen fürchte mich davor, immer am selben Ort zu bleiben. Die See will uns nichts Böses, sie trägt unser Schiff an weit entfernte Orte, sie umarmt uns, wenn wir zu ihr gehen, sie gibt uns essen. Manchmal ist sie fröhlich und tanzt, und wir tanzen mit ihr. Und manchmal – so wie jetzt – schläft sie. Wie das Blut in uns, fliessen ihre Ströme unter der Oberfläche und halten sie am Leben. Die See schläft, und wir wachen über sie. Und wie eine Mutter die ihrem Kind beim schlafen zusieht, haben wir Angst davor, dass sie nie mehr aufwacht. Doch dann kommt der Morgen, und es wird Platz gemacht für andere Ängste.
Furcht ist gut, Furcht rettet uns. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, das sind die Feinde, nicht das Meer.”
Des Kapitäns Worte klangen im Kopf des Mannes nach. Er war verwirrt. Noch immer knurrte sein Magen und noch immer brannte seine Kehle, aber sein Herz schlug langsam und gleichmässig und sein Körper war entspannt. Der Kapitän griff in die Brusttasche seines Hemdes, nahm einen winzigen ledernen Beutel hervor und warf ihn in hohem Bogen ins Meer. Kleine Wellen, die beim Eintauchen entstanden waren, bewegten sich langsam auf das Schiff zu. Der Mann sah zu, wie sie bei ihnen ankamen, wieder weggingen und sich schlussendlich verloren.

Es ist noch dunkel draussen und trotzdem rufen sie: “Nãmaka, Nãmaka! Du musst aufstehen, es ist schon spät, heute ist der grosse Tag!” Lasst mich in ruhe, noch ein Weilchen, ich will schlafen und träumen. Ich hatte so einen schönen Traum. Wo war ich? Da waren tausende Lichter in allen Farben, ich habe getanzt. Musik war auch von irgendwo zu hören. Habe ich vom grossen Tag geträumt, von heute? Nein. Das war ein Tag vor langer Zeit – oder besser gesagt, der vor langer Zeit nicht war. Wie will die Wirklichkeit einem Traum gerecht werden?
Lasst mich schlafen und träumen. Nicht für immer, nur noch ein Weilchen. Ich will mich an die Lichter erinnern, an die Musik. Die vielen Speisen, erfrischend, leicht, üppig und reich. Alles war da, wäre da gewesen. Und da war er. Von seinen Schultern viel ein prächtiger tiefblauer Mantel, auf seinem Kopf trug er einen samtenen Hut, an den Armen Ketten aus Gold und Edelsteinen. Wir tanzten und lachten, ich kann immer noch seine Berührung auf meinem Arm, seinen Blick in meine Augen spüren. Aber natürlich hat er das nicht getragen, natürlich hatte er kein Gold, und wir haben nicht getanzt. Der Blick war das einzige was kein Traum gewesen ist. Ein Blick der Ewigkeiten dauerte und doch allzu schnell vorbei war. Ein Blick der alles sagte, alles tat, der alles bedeutete. Nichts wird mir je mehr Leben geben, als dieser Blick.
“Nãmaka, Nãmaka!”, rufen sie schon wieder. Ich muss aufstehen.

Schlaftrunken und benommen von ihrem Traum, taumelte Nãmaka aus dem Bett. Durch die Fenster hörte sie Geräusche hereinkommen, aber nichts bewegte die üppige heisse Luft in ihrem Zimmer. Über einen Sessel neben dem Bett hatte jemand ein Kleid bereitgelegt. Es war lang und aus feiner Seide, hellgrün und mit Perlen bestickt. Das schönste Kleid. Achtlos zog sie es sich über den Kopf und ging zum Spiegel. Dort nahm sie den Kamm und begann lustlos an ihren Haaren herumzuzupfen. Währenddessen betrachtete sie den Schmuck auf dem Tisch unter dem Spiegel. Gold, Silber, Perlen, Edelsteine, fein geschmiedete Ringe, Haarspangen, Halsketten, Armbänder. Alles schön platziert in reich geschmückten Schalen und Kistchen. Plötzlich hielt sie Inne. Der Kamm fiel zu Boden und sie griff nach einem Lederbeutelchen der mitten all dieser Schätze lag. Er war sehr klein und sah alt und verbraucht aus. Sie ging zurück zum Bett und setzte sich zwischen die unzähligen Kissen. Langsam zog sie mit klopfendem Herzen am Lederriemen, der den Beutel verschloss. Sie hielt ihn kopfüber und heraus fiel ein Stein. Er hatte Ecken und Kanten, fühlte sich rau an, und er war kalt. Und seine Farbe, ein helles leuchtendes Grün, wie es Nãmaka erst ein Mal gesehen hatte. Eine Frische ging vom Stein aus, verteilte sich in ihrem Körper, vertrieb jegliche Müdigkeit aus ihr. Der Traum war wahr geworden. Sie sprang auf, rannte durchs Zimmer, drehte sich im Kreis, drehte und drehte sich, bis die Gegenstände in ihrem Zimmer verschwommen und sie nur noch Farbflecken sah. Schwindlig plumpste sie zu Boden, in ihrer Hand den Stein, kühl und schwer. Sie blickte ihn an und erinnerte sich an die Augen. Grüne leuchtende Augen, die jung waren und alt, die lachten und weinten. Augen, die ihr alles gaben, und die nie mehr gehen würden.
“Nãmaka, Nãmaka! Der grosse Tag ist gekommen!”, rufen sie. “Ich bin bereit”, sagt Nãmaka.

Reges Treiben war auf den Docks. Zwischen Schiff und Land gingen Männer hin und her. Kisten, gefüllt mit Waren, wurden weggetragen, Wasserfässer und Proviant auf das Schiff gebracht. Die Matrosen waren fast alle in den verwinkelten Gassen der Stadt verschwunden. Die wenigen, die sich um die Ladung kümmerten, folgten ihnen bald, auf der Suche nach Essen, Wein und Gesellschaft. Nur einer blieb auf dem Schiff. Der Kapitän stand am Heck des Schiffes, sein Rücken der Stadt zugekehrt. Sein Blick auf den Horizont gerichtet. Als ein leichter Wind sein Gesicht streifte, lachte er. Irgendwo tanzten blaue Augen. Augen die klar und trüb waren, die schliefen und tanzten.

 

Material: Bleistift
Text: (c) Celia

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